raum

c/o schocke

Aktion 1

18./19. Juni 2016: Max Santo, "Vormorgen"

Mit der Installation "Vormorgen" hat Max Santo einen Raum angelegt, der die Abmessungen des eigentlichen Ausstellungsraums nurmehr erahnen lässt. Der leichte Stoff, das warme, gleichbleibende Licht, dessen Quelle nicht recht auszumachen ist, und auch der etwas modrige Geruch schaffen eine anheimelnde Atmosphäre: Hier lässt es sich sein! "Vormorgen" funktioniert als der Zeit enthobene Zeitkapsel. Nicht von ungefähr: Zur Vorbereitung hat Santo den zu einer einzigen Bahn genähten Stoff im Garten von c/o schocke deponiert. Mehrere Monate lang war das Material der Witterung ausgesetzt, sämtliche Verfärbungen, Zeichnungen, Spuren und eben auch der Geruch sind in dieser Zeit entstanden. Am Ende hat Santo den Stoff getrocknet, gesichtet und schließlich "gehängt".
Im Raum befinden sich am Boden stehend sieben einfache Gläser, darin jeweils ein Salzkristall. Santo hat sie im Vorbereitungszeitraum in eben diesen Gläsern gezüchtet. Jetzt hängen die Kristalle allerdings im Trockenen (und künden in ihrer Unterschiedlichkeit von Individualität und Zufall). Der Verfallsprozess des Stoffes genauso wie der Wachstumsprozess der Kristalle sind stillgestellt, eben deshalb erscheint die Zeitkapsel als die immer Gleiche. Die Zeit jedoch, die wir darin verbringen, die Gefühle, die evoziert werden, die Stimmungen, die wir hereintragen, sind je unterschiedlich. So erleben wir die "Zeit" immer anders.
Im Wohnzimmer zwei ebenfalls "zeitbezogene" Arbeiten. Eine mittelgroße Tuschezeichnung ohne Titel, entstanden als bloßes, durchaus mühsames und langwieriges Tun, der Radius der sich bewegenden Hand gab das Muster vor. Und die Arbeit "September, Balkon", eine Collage, bestehend aus den Papieren von gerauchten Zigaretten - geraucht vom Künstler während eines Septembers auf seinem Balkon - montiert zu einer überraschend schönen Sonne oder Baumscheibe (dIe Sonne eine Scheibe.)


 

Aktion 1

12./13. März 2016: Lukas Schneider, Malereiobjekte

Keilrahmen, Leinwand, Farbe - das sind immer wieder die Ausgangsmaterialien von Malerei. Dann wird der Stoff zumeist rechtwinklig gespannt, so lässt es sich arbeiten, und so mögen wir schauen - aufs Tafelbild. Lukas Schneider hat vor Kurzem für seine Malerei die Bedingungen geändert. Er lässt den Keilrahmen weg und spannt, wickelt, tackert den groben Stoff, den er als Malgrund nutzt, um gefundene Hölzer herum, Teile von Möbeln, Sprossen einer Leiter etwa. Es entstehen Objekte, die ihre Machart und ihre Herkunft nicht leugnen, aber auch nicht damit angeben. Sie sagen nicht z.B.: Sieh her, ich war zwei Stuhlbeine ("Grazie"). Aber der elegante Schwung der Form gibt auch die Rückseite preis, und da ist es dann, das Material. Alles scheint eine Einladung, näher heranzutreten, zu untersuchen, die Risse, die grob getackerten Verbindungen. Wenn das die Rückseite von Malerei ist, was mache ich mit dieser Information beim Betrachten der Vorderseite? An anderer Stelle dreht der Malgrund wie von selbst die Rückseite dem Betrachter zu, schau, die weiße Grundierung, der lose ausfransende Stoff. Vorder- und Rückseite sind nicht mehr klar voneinander geschieden, das Material als Material unterstützt den Objektcharakter der Arbeiten. Aber noch hängen sie an der Wand.
In der Malerei werden immer wieder die Bedingungen und Grenzen der Malerei untersucht. Dazu zählt etwa auch, die äußere Form des Malgrunds zu verändern, Stichwort "shaped canvas". Was passiert, wenn ich das Objekthafte des Bildes betone?
Lukas Schneiders neue Arbeiten sind tatsächlich Hybride, entsprechend nennt er sie Malereiobjekte. Als Mischwesen verweisen sie auf die Malerei und auf die Bildhauerei, feiern aber ihre Eigenständigkeit. Und spätestens durch ihre Titel haben sie erzählerische Kraft. Sie sprechen von gebrochener Schönheit ("Grazie"), von Zeitgenossenschaft ("Stiller Beobachter") und von der Poesie des Fremden ("In einem fernen Land").


 

Aktion 1

23./24. Januar 2016: Sven Schumacher, "Zur Brücke"

Durchs Wendland führte einmal eine Bahnlinie zur Elbe, von Dannenberg zur Dömitzer Brücke (und weiter nach Wittenberge und weiter nach Berlin). In die andere Richtung ging (und geht) es von Dannenberg über Lüneburg nach Bremerhaven an die Nordsee. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut, war die Strecke wirtschaftlich kein Erfolg. Strategisch wurde sie im Zweiten Weltkrieg noch einmal relevant, 1945 zerstörten die Alliierten die Brücke. Die Elbe wurde an dieser Stelle zur innerdeutschen Grenze, die Gleise zwischen Dannenberg und dem Fluss in den 70er-Jahren demontiert.
Der ehemaligen Strecke durchs Gestrüpp bis zur ehemaligen Brücke zu folgen, ist mühsam. Sven Schumacher hat sich immer wieder auf den Weg gemacht, zunächst, um zu fotografieren, dann auch mit einer Videokamera. Der entstandene Film, einmal zur Brücke und zurück, dauert acht Stunden. Anfang Mai, frisches Grün überall, manchmal ein leichter Wind, Vögel zwitschern. Und stetig der Schritt. Das Bild wackelt, der Blick sucht, es gibt nicht viel zu entdecken - und vielleicht doch alles. Kann ein Weg, der keiner mehr ist, noch irgendwohin führen? Und wenn das Ziel des Weges, der keiner mehr ist, eine Brücke ist, und die Brücke ist aber zerstört, wo führt der Weg dann hin? Ist eine Brücke, die nichts mehr überbrückt, dennoch eine Brücke? Oder ist einfach da, wo ich gehe, ein Weg, egal ob mir jemand folgt oder vorangegangen ist (I did it my way)?
Auf den Fotografien (aufgenommen im MIttelformat und größtenteils in Schwarz-Weiß - um gegen all das Grün anzukommen, so Schumacher) lässt sich betrachten, was das bewegte Bild streift: der Bahndamm, der sich allmählich aus der Landschaft erhebt, die Bäume, die sich im Wuchs der ehemaligen Strecke angepasst haben, das Unterholz, das das Weiterkommen erschwert. Die Brücke nicht.


 

Aktion 1

14./15. November 2015: Christian F. Kintz

Der Maler Christian F. Kintz hat den nur neun Quadratmeter großen Ausstellungsraum bei c/o schocke zu einem begehbaren Bild gestaltet. Leinwände werden zu Charakteren, genauso die kreisrunden Hinterglasmalereien: Wer schaut hier wen an? (Aber darf man konkrete Malerei überhaupt in dieser Weise beschreiben?)
Kintz arbeitet mit drei verschiedenen Leinwandformaten, jeweils ziemlich satte Rechtecke im Verhältnis 7 zu 8, also kurz vorm Quadrat. Mit einer Art Rakel streicht er die gern farbstarke Ölfarbe gleichmäßig auf die Fläche, über die Ränder hinweg. Lässt sie durchtrocknen, gibt in derselben Weise, deckend, eine neue Farbe darauf. Mindestens vier Schichten braucht es, um eine bestimmte Dichtigkeit der Oberfläche zu erreichen, der Trockenvorgang ist langwierig, entsprechend zieht sich der Herstellungsprozess eines solchen Bildes über Wochen, Monate. An den Rändern lässt sich dieser Prozess nachvollziehen, die Zeit.
Für eine andere Werkgruppe benutzt Kintz - Zufall? - Uhrengläser, bemalt sie in Hinterglastechnik mit Acrylfarbe. Die Ränder sind hier metallisch-gold glänzende Einfassungen, sie fassen, heben, halten die Farbe. Der Prozess, der den Leinwänden anzusehen ist (wie man auch unserer Gesichtshaut manches ansieht), hier wird er konserviert, angehalten zu einer Momentaufnahme. Was heißt es, ein Bild malen?
Drittens stellt Kintz Wandarbeiten her. Dafür überträgt er im Raum gegebene Lichtsituationen in Farbflächen. Bei c/o schocke hat er Licht gesetzt, um die Architektur einer Wand, der Fensterwand, gleichsam weiterzudenken - oder allererst sichtbar zu machen. Ausgehend von dieser Wandarbeit wurde sodann der Raum bespielt. Was heißt es, ein Bild an die Wand hängen?
Kintz arbeitet installativ. Er bringt Material mit, probiert, verwirft, setzt. So entsteht schließlich eine Situation, in der die einzelnen, in einem konzeptionellen Rahmen entstandenen Arbeiten zwar noch als solche Bestand haben, zugleich aber aufgehen in einem neuen Zusammenhang. Und weil er Maler ist, erscheint die Installation, die wir vorfinden, als in den Raum, ins Dreidimensionale geklapptes Bild. Darin bewegen wir uns. Das ist erstaunlich und beglückend.


 

Aktion 1

26./27. September 2015: Javier Gastelum, "The Functional City"

Als im Jahr 1933 der vierte Internationale Architektur-Kongress CIAM stattfand, war Athen offizieller Austragungsort. Diskutiert, vorgetragen, nachgedacht wurde aber schon auf dem Weg dorthin - man schiffte sich in Marseille ein und fuhr vier Tage lang über das Meer. Thema des Kongresses: Die funktionale Stadt. Im Vorwege hatte man die strukturellen Probleme von über 30 Städten exemplarisch untersucht. Der Anspruch war, Lösungen für diese Probleme zu formulieren. 1943 veröffentlichte Le Corbusier, einer der Initiatoren des Kongresses, die "Charta von Athen", eine Art Manifest des modernen Städtebaus, das nach dem Zweiten Weltkrieg - nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der zerstörten Städte - bedeutsam wurde. Kerngedanke ist, die Stadt als funktionale Einheit zu begreifen und diese Funktionalität zu unterstützen, indem spezifische Bereiche voneinander getrennt werden: Wohnen, Arbeit, Verwaltung, Freizeit... Wo vor dem Krieg chaotische und für die Bewohner nicht zuträgliche Verhältnisse herrschten, sollte stattdessen ein irgendwie luftiges Gebilde entstehen, lichte Wohnungen, fließender effektiver Verkehr etc. Javier Gastelum ist mit der "Charta" letztes Jahr in Athen gewesen. Und eine erste Diagnose mit Blick auf seine Arbeit (von der hier nur ein Ausschnitt zu sehen ist) muss wohl lauten, dass man eben dort nicht vorfindet, was die "Charta" verheißt. Seine Fotografien zeigen nicht attraktive Hochhäuser, umgeben von Grünflächen, keine offenen Räume. Stattdessen Nahansichten. Chaotische Strukturen, mehr oder weniger gelungene Moderne-Zitate usw. Es entsteht eine Kluft - ein Freiraum - zwischen dem hohen Ton, mit dem Le Corbusier die damalige Reise beschreibt (ein Textauszug ist Teil der Installation), und den Bildern, die Gastelum uns anbietet von Athen - oder von Stadt. Die Bilder illustrieren nicht die "Charta", eher veranlassen sie den Betrachter durch ihre Genauigkeit in scheints nebensächlichen Details, tatsächlich hinzusehen. Gastelum zeigt sie sowohl als großformatige Einzelbilder als auch in aus mehreren Bildern bestehenden Tableaus. Eben solche Tableaus dienten damals, auf dem Kongress, auf dem Schiff, als Anschauungsmaterial. Wir sind wieder auf See.


 

Aktion 1

25./26. Juli 2015: Almut Hilf, "Denken im Bestand"

Wenn Architekten "im Bestand" bauen, geht es um Renovierung, Sanierung etwa eines gegebenen Gebäudes, aber auch um Modernisierung, Umbau, Veränderung. Das Bestehende wird zwar angetastet, aber nicht zugunsten von etwas Neuem zerstört. Es findet eine Auseinandersetzung statt.
Almut Hilf setzt sich mit architektonischen Räumen auseinander. Wie bewegen wir uns durch diese Räume? Wie nehmen wir sie war? Als Fotokünstlerin sucht sie nach Möglichkeiten, Bewegung und Raumwahrnehmung in Einzelbildern zu thematisieren. So hat sie z.B. Schwarz-Weiß-Fotografien mit Innenansichten einer Ferienwohnung zu Collagen weiterverarbeitet, die, im Buch aufeinanderfolgend, eine stetig sich verändernde Raumansicht wiedergeben. Für "Denken im Bestand" hat sie dieses Prinzip der Collage ins großformatige Tableau übertragen.
Was auf den ersten Blick wie ein merkwürdig verschobenes Mosaik erscheinen mag, erweist sich bei näherer Betrachtung als ein verwirrendes Raumkonstrukt. Mit den Mitteln der Wiederholung, Verkehrung, Überlappung hat Hilf Raumansichten geschaffen, die eine endgültige Orientierung unmöglich machen. Begeben wir uns als Betrachter in diese Räume, werden wir leicht zum Spielball der Verhältnisse. In der Draufsicht hingegen werden wir zum Konstrukteur: Wir können die Entstehung rekonstruieren - Hilf hat vier Fotografien über Kopiervorgänge verfielfältigt, die Kopien beschnitten und zu einem Tableau collagiert, von dem sie wiederum eine großformatige Fotografie angefertig hat, die fertige Arbeit; wir können uns vom Materialcharakter faszinieren lassen; und schließlich können wir eigene Wege durchs Labyrinth versuchen. Das also ergebnisoffene Zusammenspiel von Bestehendem und unserer Eigenleistung veranschaulicht ein aus (teils bezogenem) Karton geschnittenes Objekt an der gegenüberliegenden Wand. Je nach Position und Blick des Betrachters verändert sich der "Raum", den diese Arbeit gleichsam simuliert.


 

Aktion 1

30./31. Mai 2015: Giesemann & Geffken, "PROPS"

Die Arbeit "PROPS" ist eine Serie von 50 Fotografien, die in kommerziellen Requisitenlagern in Berlin und Hamburg aufgenommen wurden. Die Bilder sind als Slideshow zu einem Loop montiert und mit elektronischer Musik unterlegt.
Das englische "props" bedeutet Requisite, Ausstattung. Längst als eigenständiger Begriff geläufig, ist es eigentlich die Kurzform von "property", also: Besitz. "Props" bezeichnet alle beweglichen Dinge auf der Bühne oder am Filmset; vom Darsteller "in Besitz genommen", definieren sie allererst seine Figur und die Räume, durch die sie sich bewegt. So verleihen "props" Identität. Im Lager bereitgehalten, unbewegt, verweisen die Dinge jedoch lediglich auf mögliche Räume, mögliche Charaktere, mögliche Identitäten - und die schnell aufeinander folgenden Bilder der Serie evozieren ein gewisses Unbehagen, einen Eindruck von Abwesenheit. Das Lager wird zum Zwischenreich, ein Unort - Realität findet hier nicht statt. Entsprechend unterscheiden die Bilder nicht konkrete Orte, wir wissen nicht und es ist unerheblich, ob wir uns in Berlin oder Hamburg, in diesem oder jenem Fundus befinden. So nüchtern die Bilder zu dokumentieren vorgeben, sie sind keine Dokumente.
Ein Verweisungszusammenhang, in den Giesemann und Geffken ihre Arbeit bewusst stellen: "PROPS" ist auch eine Referenz an den US-amerikanischen Künstler Seth Price. Dessen Videoarbeit "Feeling in the Eyes" zeigt eine schnelle Abfolge von Katalogabbildungen, Interieurs, komplett eigerichtete Räume, verschiedenste Stile und Epochen, gelegentlich ein "Bewohner", dazu elektronische Musik. Auch Seth Price' Arbeit erzeugt ein Unwohlsein. Man möchte sich nach dem Betrachten z.B. auf keinen Fall irgendwie einrichten, nicht in einer Wohnung, aber auch nicht in der Realität. Jener Realität, die in "PROPS" ohnehin abwesend ist. Wir werden also, wie oftmals in der Kunst, wenn es gut läuft, auf uns selbst zurückgeworfen - was auch immer das bedeutet.


 

Aktion 1

21./22. März 2015: Judith Düsberg, "With Love"

Judith Düsberg hat eine Zeit lang Blumen geschenkt bekommen, von ihrer Lebensgefährtin. Der wiederholte Akt des Schenkens, das Ereignis des Beschenktwerdens führte zu einer Reihe von Bildern, unverhofft entstand eine Serie. Wir sehen überreife Sträuße, teils schon verwelkt, das Licht und die Farben warm und anziehend. Die Beziehung ist inzwischen zu Ende - was macht das mit den Bildern? Düsberg zeigt sie als Teil einer Rauminstallation: "With Love". Auf dem Boden ein alter Leuchttisch, darauf eine Vase mit Blumen: Anschauungsmaterial. Zugleich bündelt (und bindet) das leuchtende Ding die Atmosphäre des Raums, wie der Herd in einer Küche. An der Wand gegenüber den Blumenbildern eine Collage aus verschiedenen (Bild-)Materialien, Düsbergs Fundus entnommen. Abbildungen aus Zeitungen, eine geheimnisvolle Fotografie, eine etwas ungelenke Zeichnung, Selbstporträts... Die Collage hat den Charakter einer Skizze, Momentaufnahme eines (Denk-)Prozesses. Ihr Gegenstand? Die Künstlerin selbst, ihr Körper, der weibliche Körper, das Begehren. Wie geht das mit der Liebe? Wie bringe ich dich und mich und mein Begehren zusammen? Wie gebe ich Gefühlen eine Form?
 

 

Aktion 1

17./18. Januar 2015: Marcia Breuer, "Hello./picturesque village in the European Alps e.g."

Kunst machen bedeutet immer, Umgang mit den Dingen pflegen. Zumal in der Fotografie erfordert es die Entscheidung: vorfinden oder eingreifen, inszenieren, herstellen? Marcia Breuer, so scheint es, inszeniert in ihrer Serie "Hello." Vorgefundenes. Sie arrangiert Alltagsgegenstände in einer privaten Wohnung zu spielerischen, merkwürdigen, vielleicht sogar abgründigen Situationen. Die im analogen Mittelformat aufgenommenen Bilder dokumentieren das. Mitunter zeugen diese Dokumente aber auch von einem Blick, der es denkbar scheinen lässt, dass diese Situationen da waren, etwa so: Ich betrete mein Wohnzimmer, und der Tisch verbindet als "Viadukt" Sofa und Sessel. Mein Blick fällt durch die Tür ins Bad, und im Waschbecken ergießt sich ein "Wasserfall". Die Titel der einzelnen Arbeiten verweisen in die Landschaft ("snow-covered mountain") und darüber hinaus ("Galaxie I"). Durch sie erhält die momentane Neuordnung der Dinge, wie sie das jeweilige Bild zeigt, eine konkrete, und dennoch assoziative Bedeutungsebene. Die Räume, durch die wir uns als Betrachter bewegen, sind offener, als zunächst vermutet. Also öffnet Breuer auch in der Ausstellung den Raum, wenn sie die Fotografie "Territories" auf einen übergroßen Bogen printet und den so an die Wand bringt, dass er, ganz Material, auf den Boden gleitet. Und mit dem Objekt "picturesque village", eine Glocke auf einem Sockel, holt sie das auf den Fotos gezeigte Spiel exemplarisch und ganz real in die Ausstellung: "e.g.".
 

 

Aktion 1

8./9. November 2014: Pio Rahner, "Logistik"

"Logistik" ist eine mehrteilige Arbeit, die Rahner erstmals im Oktober 2014 in der Folkwang Galerie in Essen zeigte, und die nun bei c/o schocke - angepasst an die dortigen Raumverhältnisse - präsentiert wurde. Ähnlich wie es bei der Logistik um die Bereitstellung von Material bzw. um den Materialfluss geht, steht die Unterschiedlichkeit der Materialien im Fokus: Tausende goldfarbene Metallstifte, ein Haufen verschiedenfarbiger Kunststoffbänder, ein Teppich aus braunen und cremefarbenen Holzkugeln. Dieses Material gilt es, in eine Form zu bringen. Ist die Form eigenständig - "kräftig genug", wie Rahner sagt - verliert der Titel, der Begriff, von dem die Arbeit ihren Ausgang nahm, an Bedeutung. Die Skulptur, die Fotografie, das Objekt illustrieren nicht, verweisen nicht, oder wenigstens schenkt der Künstler möglichen inhaltlichen Bezügen kein ausgesprochenes Interesse. Unbedingt von Interesse ist der Prozess, der aus Material Kunst werden lässt. Von Interesse ist das Objekt im Raum. Das Verhältnis von Betrachter, Objekt und Raum. Dabei lassen Rahners Arbeiten einen nicht kalt, sie berühren dank ihrer Präzision bzw. dem Spiel damit, dank ihrem Witz, ihrer Ernsthaftigkeit.
 

 

Aktion 1

20./21. September 2014: Jost Schocke, "Listen"

Die Serie "Listen" besteht aus 17 Bildern, die in einer festgelegten Reihenfolge zu einer Slideshow gefügt wurden (Dauer: ca. 3 min.). Sie ist innerhalb weniger Tage während eines Workshops in Arles, Frankreich entstanden. Protagonisten sind Mitstreiter aus dem Workshop, der Ort, die Landschaft... Für die Bilder, auf denen ich selbst zu sehen bin, habe ich manchmal einem Dritten meine Kamera gegeben, um tatsächlich Akteur sein zu können. (Ein durchaus befreiender Vorgang: Man gibt Kontrolle ab, aber nicht ganz, weil es immer noch die eigene Kamera ist, die die Bilder macht.) Das Labor, das vor Ort die Filme entwickelt hat, hat die Negative größtenteils ruiniert. So sind auf vielen Bildern merkwürdige Flecken zu sehen, Pigmentstörungen ähnlich. Natürlich ärgerte ich mich zunächst darüber, aber dann erschienen mir die Fehler genau richtig.
Bei c/o schocke wurde "Listen" in der halbwegs leer geräumten Küche projiziert. Parallel waren im eigentlichen Ausstellungsraum Schwarz-Weiß-Bilder vor allem aus dem "Blauen Buch" zu sehen. Das "Blaue Buch" enthält 37 Bilder aus den Jahren 2010/11 - Porträts, Landschaften im weitesten Sinne - die nicht zuletzt eine Art Selbstverortung darstellen. Darin sind sie den neueren Bildern verwandt.

Jost Schocke, Hamburg, im September 2014